Fachkräfte für die De­karbon­isierung der Industrie: Qualifizierungs­bedarf und Handlungs­empfehlungen

Herausgeber: Cluster De­kar­bo­ni­sier­ung der In­dustrie (CDI)

Autor*innen: Prognos AG | Alice Greschkow, Johanna Jurgeleit, Christin Kluge, Sören Mohr, Claudia Münch, Lauritz Wandhoff

Publikation: Studie
Veröffentlicht: Oktober 2023

Über die Studie

Um die energieintensive Industrie in Deutschland für die Zukunft aufzustellen, ist eine umfassende und nachhaltige Dekarbonisierung aller Produktionsprozesse erforderlich. Für diesen Prozess sind ausreichend qualifizierte Arbeits- und Fachkräfte unabdingbar. Es ist davon auszugehen, dass sich der Fachkräftemangel durch die demografischen Entwicklungen weiter verstärken wird. Qualifizierte Fachkräfte drohen damit in den energieintensiven Industrien zu einem Flaschenhals für die Umsetzung der Dekarbonisierung zu werden.

Die Studie untersucht und identifiziert im Auftrag des Clusters Dekarbonisierung der Industrie konkrete Ansätze zur Weiterentwicklung bestehender Qualifizierungs- und Weiterbildungsstrukturen für Fachkräfte in den energieintensiven Industrien. Für Entscheider*innen in der Industrie, Bildungs- und Forschungsinstitute sowie politische Gremien gibt die Studie Handlungsempfehlungen, wie die Fachkräftesicherung und -qualifizierung für die Industrietransformation gelingen kann.

Methodik der Studie

Im Rahmen der Studie wurden verschiedene empirische Erhebungen durchgeführt. Eine grundlegende Sekundärerhebung wurde mittels sechs Fachgesprächen mit betrieblichen Vertreter*innen aus den energieintensiven Industrien durch praktische Perspektiven ergänzt. Dem folgte eine Online-Befragung von mehrheitlich energieintensiven Industrieunternehmen sowie ergänzend Verbänden, Forschungseinrichtungen und weiteren Multiplikatoren zur Fachkräftesituation. Insgesamt nahmen 218 Branchenkenner*innen teil. In qualitativen Interviews mit acht Bildungsexpert*innen und einem Workshop mit sieben Branchen- und Bildungsexpert*innen wurden die Befragungsergebnisse eingeordnet und weiterentwickelt.

Ergebnisse der Studie

Fachkräftemangel am spürbarsten in der Industrieproduktion

Einen Mangel an geeigneten Fachkräften verzeichnen nahezu alle Bereiche der befragten Unternehmen. Besonders angespannt ist die Lage in den industriellen Tätigkeitsfeldern. Mit Blick auf die Industrieproduktion vermeldet nahezu die Hälfte der Befragten einen besonders starken Engpass. Für ein weiteres knappes Drittel trifft dies eher zu. Ähnlich stellt sich die Lage für den Bereich Maschinenbau & Anlagentechnik dar.

Welche Bereiche sind in Ihrem Unternehmen besonders stark von einem Mangel an geeigneten Fachkräften betroffen?

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Abbildung 1: Fachkräftemangel nach Unternehmensbereichen

Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung in den energieintensiven Industrien

Ein zentrales Ergebnis der Befragung sind die branchenübergreifenden Herausforderungen hinsichtlich der Rekrutierung von Fachkräften. Zu wenige Kandidat*innen bewerben sich aus Sicht der Befragten auf offene Ausbildungs- und Fachkräftestellen. Neben den Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung kommt hinzu, dass aus Sicht der Befragten die vorhandenen Bewerber*innen oftmals nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse verfügen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung?

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Abbildung 2: Herausforderungen bei der Fachkräftesicherung

Aktuell suchen Unternehmen so händeringend nach Fachkräften, dass auch viele Bachelor-Absolventen direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen. Zur Weiterqualifizierung braucht es in diesen Fällen deutlich mehr berufsbegleitende und an die Lebensrealität der Beschäftigten angepasste Angebote.

Dirk Filzek
Koordination Bereich Wissenstransfer House of Energy e.V.

Zuwanderung und Quereinstieg relevant für die Fachkräftesicherung

Um Fachkräfteengpässe abzufedern, sind aus Sicht der Befragten unterschiedliche Zielgruppen relevant. Sowohl akademisch als auch beruflich qualifizierte Personen haben für die Fachkräftesicherung im Zuge der Dekarbonisierung eine enorme Bedeutung. 96 Prozent der Befragten rechnen Hochschulabsolvent*innen eine (hohe) Bedeutung zu. 83 Prozent sehen Auszubildende als wichtige Zielgruppe an. Doch auch weitere Zielgruppen spielen mit Blick auf die Fachkräftesicherung eine signifikante Rolle für die Unternehmen, wenngleich die Rekrutierung und Einarbeitung mit höheren Ressourcen verbunden sind. Über die Hälfte der Befragten sieht internationale Fachkräfte aus dem EU-Ausland oder Drittstaaten sowie die Gruppe der Quereinsteiger*innen als bedeutsam für die Fachkräftesicherung.

Welche Bedeutung haben die folgenden Zielgruppen für die Fackkräftesicherung im Zuge der Dekarbonisierung in Ihrem Unternehmen?

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Abbildung 3: Bedeutung der Zielgruppen für die Fachkräftesicherung im Zuge der Dekarbonisierung in den Unternehmen

Technische Kompetenzen zentral für die Dekarbonisierung

Die Dekarbonisierung der Industrie erfordert neue Verfahren und Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Eine Bedingung für die erfolgreiche Entwicklung und Modifikation dieser Aspekte liegt in ausgeprägten technischen Fähigkeiten der Fachkräfte. Zwar gibt es unter den abgefragten technischen Kompetenzbereichen Abstufungen bei der Bewertung der Bedeutsamkeit für die Dekarbonisierung, allerdings sehen mindestens drei Viertel der Befragten alle abgefragten Bereiche als bedeutsam an. Damit spiegeln die Ergebnisse die hohe technische Komplexität von Maßnahmen zur Dekarbonisierung wider.

Welche fachlichen Kompetenzbereiche sind für eine erfolgreiche Implementierung neuer Verfahren und Prozesse im Zuge der Dekarbonisierung notwendig?

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Abbildung 4: Bedeutung fachlicher Kompetenzen (Technik) im Zuge der Dekarbonisierung

Erforderlich ist ein Grundverständnis von neuen Technologien sowie vernetztes Denken zwischen verschiedenen spezialisierten Bereichen. Die technischen Kompetenzen müssen mit der hohen Innovationsdynamik schritthalten, allerdings bleibt die Ausbildung in Teilen stark hinter den aktuellen Entwicklungen zurück.

Anonyme Antwort aus der Unternehmensbefragung

Eine etwas geringere Bedeutung für die Umsetzung der Dekarbonisierung kommt den Befragten zufolge fachlichen Kompetenzen nicht-technischer Art zu. Der Bereich Energieberatung und -management wird noch von einem knappen Drittel als sehr bedeutsam eingeschätzt.

Welche fachlichen Kompetenzbereiche sind für eine erfolgreiche Implementierung neuer Verfahren und Prozesse im Zuge der Dekarbonisierung notwendig? - Sonstige Kompetenzen

Welche fachlichen Kompetenzbereiche sind für eine erfolgreiche Implementierung neuer Verfahren und Prozesse im Zuge der Dekarbonisierung notwendig? - Sonstige Kompetenzen Welche fachlichen Kompetenzbereiche sind für eine erfolgreiche Implementierung neuer Verfahren und Prozesse im Zuge der Dekarbonisierung notwendig? - Sonstige Kompetenzen

Abbildung 5: Bedeutung fachlicher Kompetenzen (Sonstige) im Zuge der Dekarbonisierung

Hoher Bedarf an überfachlichen Kompetenzen für die Dekarbonisierung der Industrie

Die Dekarbonisierung der Industrie erfordert neben fachlichen Qualifikationen auch Kompetenzen, die den Wandel begleiten, moderieren und gestalten. Solche überfachlichen Fähigkeiten, die unterschiedliche Perspektiven vereinen, sind aus Sicht der Befragten höchst relevant. 99 Prozent der Befragten schreiben dem prozessübergreifenden beziehungsweise systemischen Denken eine hohe oder eher hohe Bedeutung zu. Auch Innovations- und Problemlösungsfähigkeit sowie Lernbereitschaft werden von nahezu allen Befragten als bedeutsam für die Implementierung neuer Verfahren und Prozesse betrachtet.

Welche überfachlichen Kompetenzbereiche sind für eine erfolgreiche Implementierung neuer Verfahren und Prozesse im Zuge der Dekarbonisierung notwendig?

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Abbildung 6: Bedeutung überfachlicher Kompetenzen im Zuge der Dekarbonisierung

Für die Dekarbonisierung benötigen wir wesentlich mehr Fachkräfte mit interdisziplinären Fähigkeiten, wenn wir die Klimaziele bis 2045 erreichen wollen.

Anonyme Antwort aus der Unternehmensbefragung

Betriebsinterne Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote bedeutsam

Für den Bereich der Fort- und Weiterbildung zeigt die Befragung, dass in den Industrieunternehmen vor allem betriebsinterne Qualifizierungsangebote im Zuge der Dekarbonisierung von Relevanz sind: 9 von 10 Befragten weisen diesen Maßnahmen eine (eher) hohe Bedeutung zu. Auch die berufliche Ausbildung sowie die berufliche Aufstiegsfortbildung (zum Beispiel als Industriemeister*in) wird von mehr als 80 Prozent als wichtig erachtet.

Eine Schlüsselrolle im Transformationsprozess hat qualifiziertes und motiviertes Ausbildungspersonal. Die anwendungsorientierte Vermittlung der für die Dekarbonisierung relevanten fachlichen und überfachlichen Kompetenzen erfordert entsprechend qualifizierte Aus- und Weiterbilder*innen. Die interviewten Expert*innen aus Unternehmen wie auch Bildungsanbietern berichten jedoch von einem zunehmenden Mangel an fachlich geeignetem und motiviertem Ausbildungspersonal in der Industrie.

Aktuell fehlt es zunehmend an Lehrkräften für die Aus- und Weiterbildung, sowohl innerbetrieblich als auch in der dualen Ausbildung. Auch die Anstrengungen zur Personalgewinnung sind bislang viel zu gering.

Christine Schmidt
Projektleiterin IBBF

Welche Bedeutung haben folgende Möglichkeiten zur Qualifizierung von Fachkräften für die Dekarbonisierung in Ihrem Unternehmen?

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Abbildung 7: Welche Bedeutung haben folgende Möglichkeiten zur Qualifizierung von Fachkräften für die Dekarbonisierung in Ihrem Unternehmen?

Entwicklungspotenziale bestehender Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote

Basierend auf den Erkenntnissen aus den Interviews sowie der quantitativen Befragung zeigt die Studie folgende Handlungsfelder zur Weiterentwicklung bestehender Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote für die Dekarbonisierung der Industrie auf.

1. Praxisnahe Angebote an Hochschulen für technische Kompetenzen

  • Kooperation von Betrieben und Hochschulen
  • Duale Studienangebote für die Dekarbonisierung
  • Akademische Weiterbildungsmodule für Praktiker*innen vermitteln Fachkompetenzen in kurzer Zeit

2. Modulare und digitale Formen der Aus- und Weiterbildung

  • Modulare Bildungsangebote erhöhen die Flexibilität in den Betrieben wie auch in den Bildungseinrichtungen
  • Zusatzqualifikationen bieten jungen Menschen die Möglichkeit moderne Zukunftstechnologien kennenzulernen
  • Teilqualifikationen (für Menschen ohne formale berufliche Erstausbildung) bergen Chancen für neue Zielgruppen
  • Digitale Angebote eröffnen neue Möglichkeiten zur Erreichung unterschiedlicher Beschäftigtengruppen

3. Qualifizierung Dekarbonisierungsmanagement

  • Komplexe Transformationsprozesse erfordern qualifizierte Fach- und Führungskräfte
  • Angebote für ein Dekarbonisierungsmanagement in energieintensiven Industrieunternehmen

4. Angebote für das Ausbildungspersonal

  • Qualifiziertes und motiviertes Ausbildungspersonal hat eine Schlüsselrolle im Transformationsprozess
  • Wachsender Bedarf an innovativen Aus- und Weiterbildungsformaten für Ausbildungspersonal mit Schwerpunkt Dekarbonisierung

 

Handlungsfelder für die Fachkräftesicherung in der Industrie

Die Studie stellt klar die Relevanz qualifizierter Fachkräfte für die erfolgreiche Industriedekarbonisierung heraus. Die folgende Ideensammlung dient dazu, dem CDI, aber auch Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, Unternehmen und politischen Akteuren mögliche Handlungsfelder aufzuzeigen.

1. Hochschule

  • Initiierung von Bildungsregionen (z.B. „Bildungsregion Lausitz“) mit dem Schwerpunkt Dekarbonisierung
  • Entwicklung der Brandenburgischen Technischen Hochschule Cottbus-Senftenberg als Leuchtturm für einen lebendigen Lernort
  • Einrichtung eines Ovalen Tisches Studiengestaltung, um die fachliche Passung zwischen den Kompetenzanforderungen in energieintensiven Branchen und den gelehrten Kompetenzen an (Fach)Hochschulen zu verbessern
  • Entwicklung einer studienintegrierten Zusatzqualifikation „Ausbilderqualifikation für die Dekarbonisierung“

2. Aus- und Weiterbildung

  • Entwicklung eines Kompetenzmonitors im Dialog u.a. mit Betrieben und Bildungsträgern, welcher die benötigten Kompetenzen im Zuge von Transformations- und Dekarbonisierungsprozessen aufzeigt
  • Entwicklung einer Shortlist „Qualifizierung für die Dekarbonisierung“, die einen Überblick über bestehende Gute-Praxis-Angeboten auf unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungsniveaus gibt
  • Initiierung einer Kampagne zur Attraktivitätssteigerung von Ausbildungen und Berufen im Bereich der Dekarbonisierung
  • Digitalisierung und Dekarbonisierung zusammendenken
  • Entwicklung der Online-Schulung „Soft Skills für die Industriedekarbonisierung“
  • Entwicklung der Weiterbildungsreihe „Ausbilder*in für die Dekarbonisierung“

3. Politik

  • Förderung regionaler betrieblicher Qualifizierungsverbünde
  • Dekarbonisierungsberufe im Fachkräfte-Einwanderungsgesetz
  • Fokus Dekarbonisierung in der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS)

4. Unternehmen

  • Prüfung der neuen Qualifizierungsmöglichkeiten durch das Weiterbildungsgesetz
  • Förderung von niederschwelligen und bestenfalls in den Arbeitsprozess integrierten Deutschkursen
  • Englisch als Arbeitssprache nutzen, um das Potenzial internationaler Fachkräfte umfänglich zu nutzen
  • Entwicklung von Augmented-Reality-Schulungen

Download

CDI Studie „Fachkräfte für die Dekarbonisierung der Industrie: Qualifizierungsbedarf und Handlungsempfehlungen“

Executive Summary Studie

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Claudia Kalinka
Claudia Kalinka
Cluster- und Netzwerkmanagement Claudia.Kalinka@cluster-dekarbonisierung.de +49 355 47889-115
Madeleine Henning-Waniek
Madeleine Henning-Waniek
Öffentlichkeitsarbeit presse@cluster-dekarbonisierung.de +49 355 47889-134

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