CDI Input: Dekarbonisierung von Prozesswärme in der Stahlindustrie

Wie gelingt die Dekarbonisierung der Stahlindustrie über die Rohstahlproduktion hinaus? Dieser Frage widmete sich der jüngste CDI Input am 22. Juni 2026. In dem einstündigen Online-Format stellte Frank Düssler von der GMH Gruppe die Herausforderungen und Lösungsansätze für eine klimaneutrale Wärmebehandlung von Stahl vor.

Kurbelwelle Stahlproduktion
Foto: GMH Group

Anschaulich präsentierte er die Funktionsweise der induktiven Einzelstabvergütungsanlage (EVA) am Standort Georgsmarienhütte. Das Vorhaben wurde über das Förderprogramm „Dekarbonisierung in der Industrie“ des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert, dem Vorgänger der „Bundesförderung Industrie und Klimaschutz (BIK), sowie durch Mittel des EU-Fonds „NextGenerationEU“. Seit 2024 ist die Anlage aktiv, seit 2026 wird sie durch eine zweite EVA gleicher Bauart für Stabstahl bis 100 Millimeter Durchmesser ergänzt.

Elektrifizierung als Chance für Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit

Die induktive Einzelstabvergütungsanlage (EVA) ist ein konkretes Beispiel für die erfolgreiche Transformation. Durch die Elektrifizierung dieses Prozessschritts können jährlich rund 2.800 Tonnen CO₂ eingespart werden. Gleichzeitig eröffnete die Investition neue Marktchancen und stärkt damit die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

Im Vortrag wurde deutlich, dass eine Elektrifizierung energieintensiver Prozesse jedoch nicht für alle Anwendungen möglich ist. Insbesondere bei großen Schmiedeblöcken stoßen elektrische Lösungen derzeit an technische und wirtschaftliche Grenzen. Für diese Prozesse werden künftig Wasserstoff und andere klimafreundliche Energieträger eine wichtige Rolle spielen.

Dekarbonisierung endet nicht beim „grünen Stahl“

In der öffentlichen Diskussion steht häufig die emissionsarme Rohstahlherstellung im Fokus. Frank Düssler machte jedoch deutlich, dass erst die nachgelagerten Prozessschritte den Rohstahl zu einem hochwertigen und marktfähigen Produkt machen. Wärmebehandlung, Schmieden oder Walzen erfordern hohe Temperaturen von bis zu 1.250 °C und verursachen einen erheblichen Teil der verbleibenden Emissionen.

Die GMH Gruppe produziert bereits heute über die schrottbasierte Elektrostahlroute und vermeidet damit rund 80 Prozent der CO₂-Emissionen im Vergleich zur klassischen Hochofenroute. Bis 2039 strebt das Unternehmen eine vollständige Klimaneutralität an. Wesentliche Hebel hierfür sind der Einsatz erneuerbarer Energien, biogener Kohlenstoffe, grünen Wasserstoffs sowie die konsequente Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz.

Intensive Diskussion zu Technologien und Rahmenbedingungen

Ergänzt wurde der Vortrag von Frank Düssler durch den Input von Fabian Gellrich, fachlicher Projektmanager im Kompetenzzentrum Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI). Das Kompetenzzentrum hatte als Projektträger die Förderung der EVA begleitet und betreut nun im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie das Modul 1 der „Bundesförderung Industrie und Klimaschutz“. Fabian Gellrich stellte den Teilnehmenden die BIK-Förderung kurz vor.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Teilnehmenden unter anderem über die Potenziale weiterer Elektrifizierungsmaßnahmen und über die Rolle von Carbon Capture and Storage (CCS). Für die GMH Gruppe stelle CCS keine geeignete Option dar.  Die unsichere Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff sowie die hohen Strompreise stellen Herausforderungen für finale Investitionsentscheidungen dar. Der notwendige Wasserstoffhochlauf in Deutschland könne nur durch enge Abstimmung mit den europäischen Nachbarn beschleunigt werden.

Ein zentrales Fazit der Veranstaltung: Klimaneutralität in der Stahlindustrie erfordert weit mehr als die Dekarbonisierung der Rohstahlproduktion. Gerade die nachgelagerten Prozessschritte bieten erhebliche Potenziale, stellen Unternehmen aber auch vor technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig zeigen Beispiele wie die EVA in Georgsmarienhütte, dass Dekarbonisierung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit Hand in Hand gehen können.

Das Format CDI Input bietet regelmäßig Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Industrietransformation und fördert den Austausch von Erfahrungen und Best Practices innerhalb des CDI-Partnernetzwerks.

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