Am 16. und 17. September 2026 kamen rund 60 Partner des Cluster Dekarbonisierung der Industrie (CDI) im Industriepark Höchst zusammen, um sich unter dem Leitthema „Transformation unter Druck – Wie kann Dekarbonisierung zum Wettbewerbsvorteil werden?" auszutauschen. Zwei Tage lang standen fachliche Impulse, intensive Workshop-Diskussionen und der persönliche Austausch im Mittelpunkt.
Auftakt beim Networking-Dinner
Am ersten Abend trafen sich die Partner zu einem gemeinsamen Networking-Dinner in Frankfurt am Main. Leiterin der CDI Koordinierungsstelle Madeleine Henning-Waniek und KEI Leiter Jakob Flechtner begrüßten die Gäste, ergänzt um Impulse von Stephan Grüger, MdL und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD und vom industriepolitischen Sprecher Dr. Carsten Ott von der Hessen Agentur und Hessen Trade & Invest. Im Fokus des ersten Abends stand vor allem das persönliche Kennenlernen – der ideale Auftakt für die inhaltliche Arbeit am Folgetag.
Impulsvorträge zu Investition, Klimaschutz und Finanzierung
Der zweite Veranstaltungstag im Peter-Behrens-Bau im Industriepark Höchst begann mit Grußworten von Prof. Dr. Hannes Utikal von der Provadis Hochschule und Lukas Neubauer, Geschäftsführer von Wiegand-Glas und Mitglied des CDI Advisory Boards. Anschließend gaben vier Fachvorträge unterschiedliche Perspektiven auf das Summit-Thema:
Andreas Sauer, Sustainability Director bei SE Tylose, stellte ein Reduktionsprojekt mit einem Energieeinsparpotenzial von 88 Prozent vor. Es ging um den Neubau einer Destillationskolonne, bei dem der überschüssige Dampf nicht mehr einfach in die Luft abgegeben wird, sondern zum Heizen der Kolonne benutzt werden soll. Er ordnete das Projekt in den Zusammenhang von Investition, Förderung und Wirtschaftlichkeit ein. Die Energieeinsparung entspricht der Energieerzeugung von drei Windkraftanlagen im Jahr.
Oliver Pickartz vom Bundesverband Feuerverzinken sprach über den Weg zu klimaneutralem Korrosionsschutz, in dem er eine Roadmap vorstellte, die der Verband zusammen mit dem Öko-Institut entwickelt hat. Darin sagt er, dass die Dekarbonisierung und weitgehende Reduktion der Emissionen der Feuerverzinkungsindustrie bis 2045 möglich wäre. Bisher hat die Branche bereits 55 Prozent Emissionen gegenüber 1990 reduziert – 90 Prozent wären bis 2045 möglich.
Alexandra Themistocli, Head of Sustainability DACH bei der SEB, beleuchtete die Finanzierung von Dekarbonisierungsprojekten aus Sicht eines Finanzinstituts. Den Abschluss bildete Hans-Ullrich Werner, CEO von Metaliq, mit einem innovativen CCU-Verfahren für die Glasindustrie und Biogasanlagenbetreiber.
Die Impulse lieferten reichlich Gesprächsstoff: In den Pausen wurde intensiv diskutiert, Erfahrungen verglichen und nach Anknüpfungspunkten für die eigene Praxis gesucht.
Workshops: Vertiefte Diskussionen mit hohem Gesprächsbedarf
Am Nachmittag vertieften drei parallele Workshops die Themen aus den Vorträgen:
Im Workshop „Die elektrische Bäckerei" erstellten die Teilnehmenden einen Zeitstrahl, in dem der Prozess der Umstellung eines gasbasierten Industriebetriebs zur Vollelektrifizierung, der zeitliche Ablauf und mögliche Probleme und Schnittstellen identifiziert wurden. Die beiden Workshopleiterinnen Dr. Franziska Lietz und Dr. Miriam Vollmer empfahlen den Teilnehmenden auch die Erstellung einer Machbarkeitsstudie und Erarbeitung einer unternehmensinternen Energiestrategie, die unterschiedliche und zuvor identifizierte Möglichkeiten durchspielt.
Der Workshop „How to Dekarbonisierungsroadmap – von der Entscheidung bis zum finalen Dokument" baute auf den Fachvortrag von Oliver Pickartz, vom Bundesverband Feuerverzinken e.V. auf. Im praktischen Teil schlüpften die Teilnehmenden in unterschiedliche Personas und durchliefen die wichtigsten Schritte, stellten sich Herausforderungen, notierten Erfolgsfaktoren, und erschufen damit einen Prozess, der auf die eigene Organisation übertragen werden konnte. Durch die Aufteilung in die Personas konnten die Teilnehmenden besser einschätzen, ob eine Dekarbonisierungsroadmap für ihren Bereich sinnvoll wäre und wie sie die Umsetzung konkret unterstützen können. Der Workshop entstand in Zusammenarbeit mit dem Öko-Institut.
Der dritte Workshop „Dekarbonisierung finanzieren – wie Unternehmen und Banken zusammenarbeiten“, wurde von Alexandra Themistocli von der Skandinaviska Enskilda Banken (SEB) und Dr. Ulrike Walter vom CDI umgesetzt. Die Workshopgruppe analysierte verschiedene Finanzierungsoptionen für industrielle Transformationsvorhaben, deren Voraussetzungen sowie mögliche Risiken. Es gab viele Begriffe zu definieren, wie z.B. den Unterschied zwischen Green Bonds (grüne Anleihen) bzw. Green Loans (grünen Krediten).
Aus Sicht eines Finanzinstituts wird ein Dekarbonisierungsprojekt nicht durch seine Klimawirkung allein bankfähig. Bankfähigkeit entsteht, wenn Technologie, Rückzahlungen und Risikoverteilung zusammen ein tragfähiges Finanzierungsprofil ergeben.
In allen drei Formaten wurde engagiert diskutiert und praxisnah gearbeitet. Besonders der Workshop zur Projektfinanzierung hätte noch länger andauern können: Das Interesse am Austausch mit der Finanzexpertin war so groß, dass am Ende längst nicht alle Fragen der Teilnehmenden beantwortet waren – ein deutliches Signal, wie relevant das Thema Finanzierung für die Praxis der Industriedekarbonisierung ist. Das CDI wird dieses Thema nochmal intensiver betrachten.
Werksrundfahrt durch den Industriepark Höchst
Als Highlight des Nachmittags führte eine exklusive Werksrundfahrt durch den Industriepark Höchst, bei der Fotos leider nicht erlaubt waren. Startpunkt war der Peter-Behrens-Bau, selbst ein Stück Industriearchitekturgeschichte, vorbei an einer H2-Zugtankstelle sowie an Start-ups wie CO2Bioclean und ARCUS Greencycling, die aus CO2, Wasserstoff und Biogas nachhaltige Kraftstoffe herstellen. Besonders eindrücklich war der Einblick in die gelebte Kreislaufwirtschaft vor Ort: Die ansässigen Unternehmen vernetzen ihre Infrastrukturen, Energien und Materialströme im Verbund und nutzen sie gemeinsam. Fotos waren aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt – dafür nahmen die Teilnehmenden umso mehr fachliches Wissen mit.
Den Abschluss des Tages bildete ein Get-Together mit gemeinsamem Ausklang.
Fazit und Ausblick auf 2027
Der CDI Summer Summit 2026 hat einmal mehr gezeigt, wofür das Cluster steht: branchenübergreifender, interdisziplinärer und vertrauensvoller Austausch. Die Impulsvorträge lieferten den fachlichen Rahmen, die Workshops boten Raum für vertiefte, teils sehr lebhafte Diskussionen – allen voran beim Thema Projektfinanzierung – und die Werksrundfahrt machte die Transformation vor Ort erlebbar.
Wir danken Prof. Dr. Hannes Utikal von der Provadis Hochschule, dass wir an einem solch geschichtsträchtigen Ort tagen durften und allen Partnerinnen und Partnern für die aktive Beteiligung! Wir freuen uns auf Ihr Feedback für den Summer Summit 2027!